»Der Krieg ist vorbei, wir schauen nach vorn«

Lyrik für deutsche Soldaten? Bosnische Germanistikstudenten haben ein zweisprachiges Tornisterbuch mit Gedichten und Kurzgeschichten für deutsche EUFOR-Soldaten in Bosnien geschrieben. Ein Interview mit einer der Autorinnen, Irma Duraković
Wie kam es zu dem Buch »Sterne über Rajlovac«?
Sie müssen wissen: Etliche von uns Studenten waren wie so viele unserer Landsleute während des jugoslawischen Bürgerkriegs im deutschsprachigen Raum im Exil. Die deutsche EUFOR hatte die Idee, diesen Band zu machen, weil wir auch auf Deutsch schreiben. Wir haben die Texte aber nicht explizit für Soldaten geschrieben.

Was sind die Themen?

Die Autoren schreiben über das, was sie bewegt. Träume, Hoffnungen, ängste oder Einsamkeit. Mein Text handelt von einer Prostituierten, ihren Kunden und die Abhängigkeit von ihrem Zuhälter. Schließlich wandelt sie am Abgrund des Wahnsinns. Was unsere Texte meines Erachtens verbindet, ist der kalte Ton, mit dem wir versuchen, etwas zu sagen. Ich setze die deutsche Sprache bewusst als Instrument ein, um zwischen meiner Heimat Bosnien und mir Distanz zu schaffen. Dabei geht es mir weniger um die problematische Vergangenheit als um die unmittelbare Gegenwart.

Wie war die Resonanz der Soldaten?

Sehr positiv, nur dachten viele, dass wir inunseren Texten ausschließlich das Kriegsthema behandeln würden. Sicher, wir müssen uns damit auseinander setzen. Aber der Krieg ist seit zehn Jahren vorbei, unsere Generation richtet den Blick eher nach vorn. Wer über Trauer oder Tod schreibt, muss nicht unbedingt an Krieg denken.

Und dennoch wird im Titel des Buches Rajlovac genannt, ein Ort, der im Krieg inmitten der Kampflinien stand.
In Rajlovac steht ein alter Bahnhof, noch immer zerschossen und ausgebrannt, und erinnert wie ein Mahnmal an die Kämpfe, die hier ausgetragen wurden. Die deutschen Soldaten kennen ihn, ihr Feldlager befindet sich direkt nebenan.

Ist das alte multikulturelle Modell, für das der Balkan einmal berühmt war, vollends gescheitert?

Das es gescheitert ist, denke ich nicht. Denn hier ist fast alles wie früher. Serben, Kroaten und Bosnier leben zusammen, und es gibt immer irgendwelche Kontakte zu Serbien. Das Schlimmste aber ist: Während des Krieges hat man um »irgendetwas« gekämpft, jedoch hat es keinem etwas gebracht. Man hat mit Leben und Zeit gespielt, einfach so, um nichts. Auch wenn uns unser Nachbarland vor allem als Angreifer und der Erinnerung haften geblieben ist, empfinde ich eine gewisse Normalität. Die Zukunft sehe ich nicht so schwarz.
Könnten Studierende bei der Aussöhnung mit Serbien eine besondere Rolle spielen?
Ich messe den Studierenden keinen besonders großen Spielraum zu, selbst wenn sie Interesse an einer Aussöhnung hätten. Sicher, Studentenaustausch kann nicht schaden. Nur: Welcher Student geht nach Serbien, wenn, wie in meinem Fall, in Sarajevo das Germanistikstudium viel fortschrittlicher ist. Es mag hier und da persönliche Kontakte geben, ich meinerseits habe keine.
Das Interview führte William Billows, August 2006
In: Kulturaustausch. Zeitschrift für internationale Perspektiven, Hrsg. vom Insitut für Auslandsbeziehungen, Berlin, 56. Jahrgang, Ausgabe III, 2006, Seite 79