Sterne über Rajlovac

Aus dem Vorwort des Lyrikbandes (2006) von Vahidin Prejlević und Horst Schuh:

Sterne über Rajovac

Sterne über Rajovac – Buchprojekt

»… Es sind Stimmen der BosnierInnen am Anfang der Zwanziger, die hier versammelt sind in einem Buch, das ein gemeinsames Projekt des deutschen Teils der EUFOR-Truppe in Bosnien-Herzegowina und der Abteilung für Germanistik der Philosophischen Fakultät in Sarajevo darstellt. Außer der Jugend haben die Autoren noch etwas gemeinsam: ein besonderes Verhältnis zu Sprache, das aus den Windungen der Geschichte hervorgegangen ist;
die meisten von ihnen haben infolge der Kriegswirren mehrere Jahre ihrer Kindheit in einem deutschsprachigen Land verbracht, haben Deutsch als ihre zweite Muttersprache gelernt und eine Zweisprachlichkeit entwickelt, die interkulturelle Spannungen eröffnet, aber zugleich die Bildung origineller Perspektiven begünstigt und Kreativität fördert.

Diesen inneren Impuls zu bewahren, erscheint dem Herausgeber dieser kleinen Anthologie sehr wichtig. Deshalb haben die Autoren, hauptsächlich Studenten der Germanistik in Sarajevo, ihre Beiträge in beiden Sprachen verfasst: die Grenzen zwischen Original und übersetzung können hier nicht anders als fließend – und zwar im genauen Wortsinne – verstanden werden …

Die Sprache der Poesie bedeutet den jungen Menschen viel. In ihr drücken sie ihre Befindlichkeiten, Stimmungen und Gefühle aus. Nachwehen des Krieges, Zweifel, aber auch Hoffnungen beim Blick in die Zukunft. Ihre Sprache, aber auch manches Motiv in ihrer Dichtung sind Ausdruck ihrer nationalen Identität, ihrer Liebe zur bosnischen Heimat. Aber gerade ihr Bemühen, sich in beiden Sprachen, der bosnischen und deutschen, zu artikulieren, weist über die nationalen Grenzen hinaus.
Sie versuchen einen Brückenschlag zu den Deutschen in ihrem Land, zu den Soldaten, die im Feldlager Raljovac und an anderen Standorten hier ihren Dienst tun.

Gattungsmäßig sind Erlebnis- und Reflektionslyrik, Ballade und vor allem Kurzgeschichte vertreten. Thematisch sind die Arbeiten sehr unterschiedlich, sie handeln von Alltag, Leiden, Liebe und anderen wundersamen Erlebnissen; im Ton variieren sie von Skepsis über Melancholie bis ihn zur fröhlichen Ironie, manchmal sind die unterschiedlichen Modi auch innerhalb eines einzelnen Textes zu finden …

Skepsis ist die überwiegende Einstellung dieser jungen Menschen, doch nicht Hoffnungslosigkeit. Ihr Blick ist vor allem gegenwartsorientiert, auch wenn sie von der Vergangenheit sprechen. Und die Zukunft? Sie zeigt sich, um das Bild aus dem preisgekrönten Film Beautiful Mind hier zu bemühen, wie die Konstellation der Sterne am Himmel in der Gestalt, in der wir sie sehen wollen.
Der Weg zu ihr: es ist ein Weg zu den Sternen.«